Ankunft in El Villar – Bolivien

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Nach vier Wochen in Sucre fuhr ich zusammen mit dem Freiwilligen- koordinator Max, seinem einheimischen Assistenten Arthuro und einer weiteren Freiwilligen in das Dorf El Villar, ca. 220 km südlich von Sucre, um fünf Wochen im dortigen Freiwilligenzentrum zu arbeiten. Auf den staubigen, zum größten Teil nicht befestigten Straßen brauchten wir für diese Strecke einen ganzen Tag. Im Dorf Alcalah machten wir einen Zwischenstopp. Hier erlebten wir die Gründung eines neuen Freiwilligenzentrums mit einer offiziellen Zeremonie, unter anderem mit den Vertretern des Dorfes und UNICEF und unserem Koordinator Max. Das neue Hilfsprojekt wurde mit einem festlichen Essen und mit viel Chicha, dem Nationalgetränk Boliviens, gefeiert. Es besteht aus Mais und schmeckt sehr exotisch. Es wurden viele Reden gehalten und danach jedes Mal mit Chicha angestoßen wobei jeder auch die €žPacha Mama€œ (Mutter Erde) mit einigen Spritzer Chicha bedacht wurde. Für uns Europäer eine ungewöhnliche Zeremonie. Doch dies war erst der Anfang und ich sollte noch viele neue Gebräuche kennen lernen.

Nach Stunden über holprige Straßen, vorbei an karger Steppenlandschaft und bewaldeten Abschnitten zeigte uns Max in der Abenddämmerung begeistert die Lichter von El Villar, mit den Worten €ždort sind die Lichter von zu Hause€œ. Damals glaubte ich nicht, dass ich dieses Dorf wirklich jemals €žzu Hause€œ nennen würde. Er erklärte uns auch, dass es Elektrizität erst seit wenigen Jahren gibt.

In El Villa platzten wir mitten in eine Abschiedsfreier einiger Freiwilliger, die am nächsten Tag zurück nach Sucre fahren würden. Es wurde zu Bolivianischer Schlagermusik getanzt und die Kinder schlossen sofort jeden ins Herz und nahmen uns Neuankömmlingen begeistert auf. Doch in die Ausgelassenheit aller mischte sich auch der Abschiedsschmerz.

In den nächsten Tagen lernten wir El Villar und seine Bewohner kennen. Arthuro und Max nahmen uns mit auf einen Dorfrundgang, auf dem wir das Colegio (die Schule), den Kindergarten, das Krankenhaus, die Schreinerei und die Näherei kennen lernten. Ich fühlte mich wie in einem Film aus dem 18. Jahrhundert als die Europäer Amerika als Einwanderer entdeckten. Aus der Großstadt Frankfurt am Main mit seiner durchorganisierten Infrastruktur befand ich mich nun in einem kleinen Dorf mit einer unbefestigten Straße. Autos gab es fast keine im Dorf. In der Siesta diente die Straße den Hunden als Schlafplatz. Es gab nur einige wenige Häuser, die aus Ziegeln neu gebaut waren wie z. B. die Schule, das Krankenhaus, die Bibliothek, das Haus des Dorfvorstehers und das Haus in denen die Freiwilligen wohnten. Die Dorfbewohner lebten in einfachsten Lehmhütten.

In den darauf folgenden Tagen fanden wir unsere Aufgaben. Wir bekamen keine Tätigkeiten zugeteilt, sondern konnten frei wählen, wo wir arbeiten wollten. Ich half beim Englischunterricht im Colegio, war einmal in der Woche in der Vorschule und einmal in der Woche in der Schule von €žVillar Pampa€œ, einer Außenstelle der Schule für die Kinder, die die Schule im Dorf nicht erreichen konnten, um dort Kathrin, einer Kunststudentin, beim Kunstunterricht zu helfen. Jeden Nachmittag betreute ich den zusätzlichen Englischunterricht, der von den Freiwilligen eingeführt und geleitet wurde, um die Englischkenntnisse der Kinder zu fördern. Im Colegio wurde Englisch nur einmal in der Woche unterrichtet und so waren die Schüler und die Englischlehrerin sehr froh über dieses zusätzliche Angebot. Ich erlebte wie schwierig es ist in Spanisch Englisch zu unterrichten. Auch hatten die Kinder einige Mühe mit der Englischen Aussprache und ließen mich manchmal fast verzweifeln.

Eine weitere tägliche Aufgabe der Freiwilligen war die Betreuung der Bücherei. Dies war das neuste Projekt, das von Freiwilligen ins Leben gerufen worden war. Jeden Nachmittag war die Bücherei Treffpunkt für die Kinder und Jugendlichen und mit der Zeit kamen auch immer mehr Erwachsene. Das Angebot an Büchern und vor allem Gesellschaftsspielen wurde von allen begeistert aufgenommen und wir hatten jeden Tag Mühe, die Besucher abends wenn wir schließen wollten, zum Gehen zu bewegen. Zugleich war die Bücherei auch eine wichtige Anlaufstelle für Informationen, da hier die Tageszeitung aus Sucre für alle kostenlos zum Lesen bereit lag.

Die Kleinsten waren immer auf der Suche nach Freiwilligen, die ihnen Geschichten vorlesen sollten. Nun lernte ich seit genau vier Wochen Spanisch und saß schon draußen vor der Bücherei, um in meinem gebrochenen Spanisch, ein Kinderbuch nach dem anderen vorzulesen. Die Kinder störte dies nicht, sie hörten geduldig zu und schauten mit großen Augen die Bilder an oder lachten über die Texte und wohl auch über meine Aussprache. War ein Buch zu Ende wurde sogleich ein neues geholt. So lernte ich in kürzester Zeit alle gängigen Tiernamen auf Spanisch, vom Hund über die Kuh bis zum Schwein.

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