Auf dem Niger nach Timbuktu

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Mopti ist als Hafenstadt am Niger nicht nur Zentrum des Handels, sondern auch des Tourismus. Von hier aus lassen sich Trips ins nahe gelegene Felsmassiv von Bandiagara und damit ins Land der Dogon, eine der bekanntesten Ethnien Malis, als auch den Fluss Niger entlang in die sagenumwobene Wüstenstadt Timbuktu unternehmen. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Bei der Ankunft in Mopti offenbarten sich mir schnell die negativen Seiten des touristischen Umschlagplatzes. Es kostete mich einige Geduld, mir freundlich aber bestimmt die anhänglichen Guides vom Leib zu halten, die sich am Busplatz besonders gern auf alleinreisende Europäerinnen zu stürzen schienen. Leider war die katholische Mission, in der ich nächtigen wollte, nicht mehr für Reisende zugänglich, so dass es mich zudem noch viel Zeit und Nerven kostete, Informationen über sonstige bezahlbare Unterkünfte herauszubekommen. Nach langem hin und her fand ich aber dann doch ein günstiges Hotel mit Schlafsaal. Hier lernte ich auch Billy kennen. Der große irischstämmige Kanadier war auf seiner Afrikatour von Marokko über Mauretanien nach Mali gekommen. Bevor er weiter nach Burkina Faso reiste, wollte er nach Timbuktu in die Wüste. „Wie schön“, sagte ich, denn da wollte ich ja auch hin. Und so machten wir uns gemeinsam auf zum Schifffahrtsbüro. Vom Portier wussten wir, dass am nächsten Tag ein Schiff den Niger stromabwärts aufbrechen sollte. Dies schien uns die günstigste Möglichkeit zu sein, nach Timbuktu zu kommen.

Schifffahrt auf dem Niger: Le Bâteau -mit dem Schiff auf dem Niger nach Timbuktu

‚Schiff’  meint nicht die idyllischen Pirogen der Fischer, die auch gern für touristische Touren auf dem Fluss genutzt werden. Nein, Schiff bedeutete in diesem Falle ein alter deutscher Stahlkoloss, der noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Billy und ich kauften uns ein Ticket der billigsten Kategorie. Wir sollten draußen auf der Rehling übernachten, aber da es so heiß war, dass man es in einer Kajüte sowieso nicht ausgehalten hätte, nahmen wir das gelassen hin.
Am nächsten Vormittag sollte das Schiff ablegen. Es zog sich aber nicht ganz unerwarteter Weise bis in den Nachmittag hinein, bis endlich all die zu transportierende Fracht verstaut war. Billy und ich hatten uns mit einer Strohmatte in einer Ecke am Ende der Rehling niedergelassen, von wo aus wir dem unterhaltsamen Spektakel des Einladens folgen konnten. Es ist wirklich erstaunlich, was da alles ins Boot gehievt wurde. Sogar für Pferde wurde noch ein Plätzchen frei geräumt.

Schifffahrt auf dem Niger: Viele Passagiere – wenig Raum. Aber man weiß sich zu helfen.
Á propos Plätzchen. Auf unserem wurde es immer beengter. Immer mehr Leute versuchten, sich irgendwo niederzulassen.  Es wurde sichtlich ungemütlich. Wir hatten zudem noch einen älteren Mann eingeladen, sich zu uns zu setzen. Greg war ein etwa 60 Jähriger aus Norwegen stammender Südamerikaner, der auch unterwegs nach Timbuktu war.
Wir verbrachten den ganzen Nachmittag auf unsrer Strohmatte sitzend. Die Abfahrt des Schiffs verzögerte sich noch bis in die frühen Abendstunden hinein. Als es endlich losging, kletterte ich auf das flache Dache des Schiffs und unterhielt mich mit den reisenden malischen Jungs. Der Mond schien hell. Über uns schienen die Sterne und weit unten glitzerten die Fluten des Nigers.  Ich war nun tatsächlich unterwegs auf dem Niger. Von Timbuktu trennten mich nur noch einige hundert Kilometer den Fluss entlang.
Die Nacht verbrachte ich schlaflos und eingequetscht zwischen Billy und dem Stahlgitter des Geländers. Der kommende Tag wurde sehr heiß und meine Hauptbeschäftigung beschränkte sich darauf, in der Ecke zu sitzen und die Landschaft an mir vorüber ziehen zu sehen. Je weiter wir uns nach Norden bewegten, desto karger und sandiger wurde das Flussufer.  Viel zu sehen gab es, wenn wir an Dörfern vorüber zogen. Wie auf der Busreise kamen die Händler heran, um den Reisenden ihre Waren anzubieten – dieses Mal aber mit Pirogen auf dem Wasser. Wollten Passagiere aussteigen, luden sie ihre Fracht in kleine Boote. Nur nicht die Pferde; die wurden ins Wasser gelassen, so dass sie zum Flussufer schwimmen mussten.

Schifffahrt auf dem Niger: Ein Teil der Fracht – Pferde
Den restlichen Tag verbrachte ich mit Billy und Greg Bier trinkend auf der Strohmatte. Greg erzählte Geschichten aus seinem abenteuerlichen Leben. Er hatte 40 Jahre seines Leben als Seemann und Großwildjäger in Südafrika verbracht. Auf seine alten Tage hatte er sich vorgenommen, ein Buch über den dänischen Astronomen T. Brahe zu schreiben. Er war auf dem Weg nach Timbuktu, in der Hoffnung, dort in den alten Schriften der Bibliothek auf Material zu stoßen, dass ihm nützlich sein konnte.
Ein Bier nach dem anderen floss dahin, genauso wie die Zeit bis zum Abend. Wir hatten abends an dem Dorf Tonga angelegt. Ich schlief ein und auch als ich erwachte, hatten wir uns nicht weiterbewegt. Das Schiff rührte sich bis zum Morgen nicht von der Stelle. Es sprach sich herum, dass wir zwei große Löcher im Rumpf hatten. Und es brauchte schließlich seine Zeit, bis diese gestopft und das eingetretene Wasser aus dem Schiffsbauch entfernt worden war. Tja.
Den Tag über verbrachten wir wieder Bier trinkend. Gegen Mittag liefen wir den Hafen von Diré an. Wieder hatten wir ein Leck. Die Weiterfahrt verzögerte sich bis in den späten Nachmittag. Auf meine Frage, wie lange die Reise nach Timbuktu denn dauern würde, hatte mir der Ticketverkäufer noch geantwortet: „Einen Tag und eine Nacht.“ Billy hatte er sogar etwa 16 Stunden als Fahrtzeit angegeben. Zum Glück hatten wir uns auf diese utopischen Angaben nicht allzu sehr verlassen und genügend Trinkwasser mitgenommen.
In Diré waren viele Leute ausgestiegen. Die Bedingungen auf dem Schiff wurden zusehends angenehmer.
Die Ankunft in Timbuktu wurde für die kommende Nacht erwartet. Nachdem die Sonne untergegangen war setzte ich mich wieder hoch auf das Dach des Schiffs. Ein angenehmer heißer Wind blies mir entgegen und sendete mir leise Willkommensgrüße der Wüste.
Später in der Nacht legte das Schiff in Korioume an, dem zu Timbuktu nahegelegenen Hafen. Unter den Passagieren brach der reine Wahnsinn aus. Die Leute drängelten und quetschten sich und brachten sich gegenseitig fast um bei Aussteigen. Wir schafften es aber alle, wohlbehalten von Deck zu kommen.  Billy hatte bereits von Mopti aus eine Wüstentour gebucht. Am Hafen erwarteten ihn die Gastgeber, zwei in Turbane gehüllte Tuareg. Dankbar schlossen Greg und ich uns an und ließen uns mit dem 4WD, dem allradbetriebenen Geländewagen, zu Ibrahim bringen, einem der beiden Tuareg. Bei ihm konnten wir die Nacht verbringen und nach drei wenig erholsamen Nächten auf dem Schiff müde in die Matratzen auf dem Dach seines Hauses sinken.

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