Timbuktu, das Tor zur Wüste

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Nach einer aufreibenden Fahrt auf dem Niger war ich in Timbuktu angekommen. Die erste Nacht hatte ich auf mit meinen beiden Reisegenossen Billy und Greg bei Ibrahim verbringen können. Ibrahim, selbst ein Tuareg, sollte den Wüstentrip organisieren, den Billy gebucht hatte und dem ich mich anschließen wollte.
Am Morgen des ersten Tages weckte mich die noch milde Sonne. Unsre Matratzen lagen auf dem flachen Dach des Hauses. Ich wickelte mich ein Stück weit aus der Decke und ließ meine Augen schweifen. Hinter dem Haus begann die Weite von weißem Sand und Dornengestrüpp. Das war das Tor zur Wüste.
Beim Frühstück lernte ich den Rest der Hausbewohner kennen: Ibrahims Frau Nana, eine schöne, in ein rosafarbenes Tuch gehüllte Wüstenfrau, zwei ihrer Schwestern, die auf Besuch waren und ihren jüngeren Bruder. Nach dem auch Billy und Greg aus den Federn gekrochen waren und gefrühstückt hatten, besprachen wir das Organisatorische. Ibrahim selbst konnte uns nicht auf dem Wüstentrip begleiten, stellte und aber seinen Cousin Eko vor. Eko war ein etwas älterer, grummelig wirkender Tuareg, der nur schlecht französisch sprach. Aber er war extra aus seinem Lager außerhalb der Stadt gekommen, um uns zu begleiten.

Es sollte am Nachmittag losgehen. Und während Eko aufbrach, um die Kamele fertigzumachen, gingen wir auf einen Streifzug durch die Stadt. Greg verabschiedete sich von uns. Er wollte nun seinen eigenen Belangen folgen und die Bibliothek Timbuktus für seine Literaturrecherchen aufsuchen.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich nicht bequatschen zu lassen, schafften es die Händler auf dem Markt doch, mir den „absolut notwendigen“ und in der Wüste gegen die Sonne „unverzichtbaren“ Tuareg-Turban anzudrehen. „Was soll’s“, dachte ich, wählte einen Stoff in tiefem Dunkelblau und ließ mir auch gleich zeigen, wie man diesen in Tuaregart umschlang. Auch meine Begleiter konnten sich der Überzeugungskraft der Händler nicht entziehen und so stolperten wir nach der Besichtigung einer Koranschule und der berühmten Moscheen vermummt durch den Sand zu Ibrahim zurück. Verdammt, es ist echt anstrengend, den ganzen Tag durch Sand zu laufen.

Eko war schon angekommen und sattelte gerade die Kamele. Wir packten noch schnell das notwendigste in kleine Taschen und dann ging es schon los. Ibrahim schenkte mir noch ein ausgedientes weißes Hemd, da ich kein T-Shirt mit langen Ärmeln gegen die Sonne hatte. Und so bestieg ich in meiner Tuaregverkleidung zum ersten Mal in meinem Leben ein Kamel. Es ist zugegebenermaßen ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl und eine äußerst wackelige Angelegenheit. Aber die anderen boten auch keinen sehr viel eleganteren Anblick. Und so zogen wir los, stets bemüht, auf den wackeligen Rücken der Tiere das Gleichgewicht zu halten.
Eko ritt uns voraus. Er war in Begleitung eines vielleicht 14jährigen Tuargjungen, der sich hinter Ekos Sattel auf das Hinterteil des Kamels setzte. Er hatte so ein schönes, klares Gesicht, dass ich gar nichts wusste, was ich lieber ansehen wollte: ihn oder die sanften Wogen des weißen Wüstensandes. Ich entschloss mich schließlich, die Objekte meiner Betrachtung abzuwechseln. Und so ritten wir friedlich hintereinander durch Sand und Sträucher, jeder seinen Träumen nachhängend. Nach etwa zwei Stunden näherten wir uns einem Zeltlager. Es war Ekos Zuhause. Wir rasteten, tranken starken Tee und lagen auf den Matten in Ekos Zelt. Die Frauen und Kinder waren sehr zurückhalten und zeigten sich kaum, sehr zu meinem Bedauern.

Etwas später ging es weiter und wir ritten bis in die Abenddämmerung hinein. Später machte Eko ein Feuer und bereitete ein einfaches Abendessen: Reis und Fisch aus der Dose. Selbst im essen war Sand, der zwischen den Zähnen knirschte. Wir ließen es uns dennoch schmecken. Leider konnten wir Eko nicht dazu bewegen, uns Geschichten zu erzählen. Er blieb mürrisch und einsilbig. Im Schein des Feuers kuschelte ich mich irgendwann in Decke und Sand und wandte mich dem Nachthimmel zu. Ich habe wohl niemals zuvor in meinem Leben tiefer ins All schauen können. Am Himmel offenbarten Abertausende von Sternen ihre Pracht. Ehrfurchtsvoll versank ich in ihrem Anblick und wenig später im Schlaf.
In der Nacht erwachte ich mit dem Gefühl, dass mir irgendetwas durchs Gesicht gekrabbelt war. So schnell wie möglich versuchte ich, jegliche Gedanken an mich umgebendes Getier zu verdrängen. Ich blickte zum Himmel und lauschte in die Nacht hinein. Wie weit hatte ich reisen müssen, um so einer Stille zu lauschen. Weit und breit kein Laut, nur das Leuchten der Sterne und eine Stille, die bis in die Ewigkeit reichte. Glücklich ließ ich mich sinken und schlief weiter bis zum Morgen.
Nach einem bescheidenen Frühstück, bestehend aus einer Handvoll Erdnüssen, Datteln und Tee, brachen wir auf.  Aus Eko waren keine eindeutigen Hinweise herauszubekommen, welcher Route unsre Tour folgte. Ich hatte den Verdacht, dass wir immer im Kreis liefen. Eko blieb weiterhin stumm. Die Lieder, die wir zu unsrer Unterhaltung anstimmten, verebbten eigenartig in der stillen Weite, so dass wir es irgendwann sein ließen und uns unsren Gedanken hingaben. Langsam bekam ich eine Ahnung davon, warum Eko nicht sprach. Er war genauso schweigsam wie die Wüste.

Tuareg: Eko. Schweigsam wie die Wüste
Gegen Mittag kamen wir an einen Brunnen, an den einige Nomaden ihre Ziegenherde tränkten. Ein kleines Mädchen mit schwarzen filzigen Haaren und riesigen Augen rannte neben einem Esel her und trieb ihn an schneller zu laufen. Er war ans das Seil gespannt, dass den Eimer aus dem tiefen Brunnenschacht nach oben beförderte. Der Arme musste immer hin und her flitzen. Aber zugegebener Weise war diese Methode äußerst effektiv. Wir verharrten lange und beobachteten fasziniert das Treiben, während Eko sich den anderen Nomaden zuwandte. Er hatte seine Sprache wiedergefunden.

Als wir am Abend unser Lager aufschlugen, entfuhr es Billy plötzlich einen jubelnden Schrei. Ein Skorpion. Wenn auch ein klitzekleiner und ganz ungefährlicher. Die ganze Zeit über hatte er mit den Augen am Boden gehangen, um endlich einen Skorpion zu entdecken. Sein Triumph war ansteckend. Nicht allerdings für den schönen Tuaregjungen. Der zog sich eine Gummisandale aus und schlug auf das kleine Tier ein. Als er danach in unsre entgeisterten Gesichter sah, entfuhr ihm ein herzhaftes Lachen. Tja, da hatte Billy so lange auf seinen Skorpion gewartet. Ich empfahl ihm, sich doch auch über die schwarzen Skarabäus-Käfer zu freuen. Denn die gab es zuhauf.
Nachmittags zogen wir wieder in Timbuktu ein. Bei Ibrahim aßen wir uns mal wieder so richtig satt. In den letzten Tagen waren wir mit der Kost sehr sparsam umgegangen.
Am nächsten Tag versuchten wir, ein Fahrzeug für den Rückweg nach Mopti aufzutreiben, was schwerer war, als erwartet, aber letztendlich gelang. In Mopti verabschiedete ich mich schweren Herzens von Billy. Er war mir in den letzten Tagen sehr ans Herz gewachsen. Aber er wollte weiter nach Burkina Faso und ich wieder nach Bamako. Dort erwartete mich schon Mafi. Sie hatte mich eingeladen, an einer malische Hochzeit teilzunehmen. Und das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

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Alex April 5, 2012 um 09:39

Spannende Geschichte einer Reise in eine andere Welt – Timbuktu steht auch noch auf meiner Liste für anstehende Abenteuerurlaube. Ich finde den Erzählstil toll, man kann sich gut in die Situation hinein versetzen… vor allem, als der kleine Junge mit der Sandale den langersehnten Skorpion kurzerhand zermürbt :) Danke für die geteilten Eindrücke. Sonnige Grüße und take care! Alex

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