Wiedersehen in Bamako

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Vorsichtig lasse ich den Eimer in den Brunnen des Innenhofes gleiten. Die alte Mutter Maimouna hat mir bereits heißes Wasser bereitgestellt, zu dem ich das kalte Brunnenwasser dazugebe. Es wird eine Wohltat sein, mir den Schweiß der heißen stickigen Nacht vom Leib zu spülen. Die Hitze, die sich hinter den geschlossenen Türen der kleinen wellblechbedeckten Häuser nachts anstaut, ist für mich immer noch eine echte Strapaze. Dennoch bin ich glücklich, endlich wieder bei meiner malischen Freundin und ihrer Familie in Bamako zu sein. Es ist nun zwei Jahre her, seitdem ich Westafrika das letzte Mal Adjeu gesagt hatte. Und gut drei Jahre liegt es zurück, dass ich zum ersten Mal in diesem Hof saß – mich an Block und Stift festklammernd und krampfhaft bemüht, das wenige, was ich über die Sprache Bamana gelernt hatte mit dem in Verbindung zu bringen, was mir hier zu Ohren drang. Nachdem ich im letzten Jahr meine Zeit mit ethnologischem Forschen in Bamako zugebracht hatte, war ich nun gekommen, um eines zu tun: Reisen!

Ich habe mich genüsslich gewaschen und setze ich mich auf einen kleinen Holschemel an die Kochstelle vor dem Wohnraum. Mafi, meine Freundin, rührt den seri im Topf auf dem kleinen Holzkohleofen um. Man trinkt diesen sehr flüssigen Milchreis in Mali oft zum Frühstück. Mafi weiß, dass ich ihn liebe und reicht mir lächelnd einen kleinen Kalebassenlöffel, aus dem geschlürft der seri noch mal doppelt so gut schmeckt.

Der Hof besteht aus der klassischen Großfamilie. Es hat mich einiges an Mühe gekostet, die verwandtschaftlichen Beziehungen der einzelnen Leute zu durchschauen. Insgesamt leben hier in den 15 den Innenhof säumenden Zimmern an die 40 Personen – die vielen Kinder mitgerechnet.
Mafis Kernfamilie besteht aus ihrer Mutter und ihren Schwestern. Der Vater ist schon vor einigen Jahren verstorben, genau wie seine Zweitfrau. Im islamisch geprägten Mali kann ein Mann bis zu vier Frauen ehelichen. Die Söhne sind bereits außer Haus und im ganzen Land verstreut. Ebenso wie Mafis älteste Schwester, die verheiratet ist und nun in der Familie ihres Mannes lebt. Mafi selbst ist zwar schon knapp 30, aber unverheiratet. Das ist ungewöhnlich. Aber meine Freundin gehört zu der Generation junger Frauen, die sich nicht von den Männern abhängig machen wollen. Sie träumt davon, ihre eigene Boutique zu eröffnen und traditionelle Stoffe zu verkaufen. Angesichts ihrer wirtschaftlichen Situation ist dieser Wunsch bisher nur Traum geblieben.
Die Frauen schlagen sich auch männliche Unterstützung durch – obwohl keine von ihnen eine feste Arbeitstelle hat. Verkaufen auf dem Markt, Kochen bei Festen wie Hochzeiten oder Taufen und sonstige Gelegenheitsarbeiten sind die Einnahmequellen. Der gemeinsam erwirtschaftete Ertrag wird zusammengelegt und das Notwendige damit gekauft. Dass die Frauen das monatliche Schulgeld für die 17jährige Binta, Mafis jüngste Schwester, zusammenbekommen, finde ich immer noch erstaunlich.

Ankommen in Mali heißt in erster Linie: Verwandte grüßen. Und so startete ich gestern mit Mafis Cousin eine Wiedersehenstour durch die Stadt. Natürlich, wie sollte es anders sein, auf dem Mopet – das Fortbewegungsmittel Nummer eins hier in Bamako.
Im Großen und Ganzen ist hier alles beim alten geblieben. Der Präsidentensitz thront noch auf den Bamako umrahmenden Hügeln und auch der Niger zieht sich weiterhin in gemächlicher Breite durch die Stadt – ungeachtet der Wäscher, die ganze Flächen seiner begrünten Ufer mit bunten, zum Trocknen bereiten Tüchern bedecken. Mir kommen die Worte meines Professors in den Sinn: €žSie werden sehen, Bamako ist wie ein großes Dorf.€œ Die Hauptstadt Malis ist zwar durchaus urban – allerdings anders als europäische Städte. Es gibt zwar auch hier und da Monumente, wie das Unabhängigkeitsdenkmal, oder große Gebäude, wie die Bank of Africa, die wesentlich das Stadtbild prägen. Dominiert wird die Stadt aber durch die verschiedenen Wohnviertel. Mit der Zeit hab ich die Denkart meiner Freundin übernommen, die einzelnen Stadtteile eher danach zu kategorisieren, welche Bekannten dort wohnen, als nach der städtebauerischen Infrastruktur.
Bamako ist eine recht quirlige Stadt, das Verkehrsaufkommen enorm. Meiner sonstigen Gewohnheit, mich vorzugsweise mit dem Fahrrad fortzubewegen, schwöre ich ab, da die Fahrweise der motorisierten Verkehrsteilnehmer allzu unberechenbar ist. Stattdessen greife ich auf die Soutramas zurück, den kleinen grünen Bussen des öffentlichen Verkehrsnetzes. Hat man erstmal herausgefunden, an welcher Ecke man einsteigen muss, um in einem bestimmten Stadtteil anzukommen, ist dies das günstigste Mittel der Fortbewegung.
Aber darum muss ich mir diesmal keine Sorgen machen. Mein Platz ist auf dem Rücksitz der Mopets, auf dem ich von einem Verwandten zum nächsten gefahren werde, um ihnen den erwarteten Höflichkeitsbesuch abzustatten. Nachdem ich diese angenehme Pflicht hinter mich gebracht haben werde und man mich ordentlich mit meinem Lieblingsgericht, dem tiga-dege-na, Reis mit köstlicher Erdnusssoße, abgefüttert hat, will ich mich in ein paar Tagen aufmachen, das städtische Treiben hinter mich lassen und endlich reisen.

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